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Alejandro Jodorowsky
10.04.2007

montanasacra"Die meisten Regisseure machen Filme mit ihren Augen. Ich mache Filme mit meinen Eiern" - mit dieser Art von Aussage stellt sich das chilenische Multitalent Alejandro Jodorowsky in eine Reihe mit  Salvador Dalí und läßt alle Anhänger Sigmund Freuds und Hobby - Psychoanalytiker hellhörig werden. Der heute 77-jährige Chilene ist unter anderem  Schauspieler, Pantomime, Komponist, Literat und Comic-Autor; aber vor allem durch seine Regiearbeiten hat er sich "Kultstatus" erworben - schon lange bevor dieser Begriff inflationär verwendet wurde. Seine zwei bekanntesten Filme EL TOPO und MONTANA SACRA werden ab dieser Woche  im "Ufer-Palast" in Fürth gezeigt. 

Damit EL TOPO überhaupt realisiert werden konnte, sprangen zwei notorische Provokateure und Enfants Terribles als Förderer und Geldgeber ein: Yoko Ono und John Lennon. Der Skandal war vorprogrammiert und trat auch ein: Die surreale Bilderflut mit Sam Peckinpah und Sergio Leone - Anmutung, die jegliche Genre- Einordnung sprengt, mischte 1971 das Filmfestival von Cannes auf. Die amerikanischen Filmjournalisten James Hoberman und Jonathan Rosenbaum beginnen ihren Text zu EL TOPO mit folgenden Worten: "Während der Vietnamkrieg eskalierte und die Babyboomer erwachsen wurden, fand der Underground in der sogenannten "Gegenkultur" eine Art Nachfolgebewegung auf breiter - und sogar organsierter - Basis: ein jugendliches Gemisch aus östlichen (oder okkultem) Mystizismus, "befreiter" Sexualität, halluzinogenen Drogen, einer kommunardischen Lebensweise, Rock 'n' Roll, sowie einem politischen Gegenbewußtsein ohne Wurzeln und Ziel". In diesem Zeitgeist erlangte EL TOPO in den USA Mitte der 70er Jahre in der Reihe "Midnight Movies" Kultstatus, zusammen mit der ROCKY HORROR PICTURE SHOW, George A. Romeros NIGHT OF THE LIVING DEAD und David Lynchs ERASERHEAD. Aber genau wie die anderen der genannten Filme haben die Werke Jodorowskys heute nichts von ihrer Anziehungskraft und ihrem - was kein Gegensatz sein muss - Schockpotential eingebüßt, sie bleiben auch heute noch faszinierend.  David Lynch, Samuel Beckett, Luis Buñuel, Carl Gustav Jung, Timothy Leary und Friedrich Nietzsche; Tod Browning, der späte Federico Fellini, sowie Antonin Artauds  Lehre vom THEATER DER GRAUSAMKEIT und ALCHIMISTISCHEM THEATER - so lauten die zahlreichen Einflussfaktoren und Konstanten in Jodorowskys Werk. Überdeutlich treten sie auch in MONTANA SACRA zu Tage. Der "Heilige Berg" ist ein mystizistisches Werk voller Zynismus und ausschweifenden Bildern über Christentum und Buddhismus. Um seine Darsteller auf den filmischen Trip vorzubereiten, ließ Jodorowsky seine Akteure vor Drehbeginn mit Drogen experimentieren.

Seit jeher verschrecken die Plots seiner Filme potentielle Finanziers. Jodorowskys Filmographie ist daher immer auch untrennbar mit scheiternden Projekten verbunden (so musste er in den 70er Jahren sein Projekt DUNE - DER WÜSTENPLANET, nachdem er schon HR Giger, Salvador Dalí, Pink Floyd und Orson Welles zur Mitarbeit gewonnen hatte, an David Lynch abtreten). Immer wieder wird ein "neuer Jodorowsky" angekündigt, immer wieder wurden die Fans enttäuscht. Jetzt scheint es aber tatsächlich so weit zu sein. In diesem Jahr soll sein neuer Film beendet werden - mit Nick Nolte und Marilyn Manson in den Hauptrollen.  KING SHOT - so der Titel - wäre Jodorowskys erster Film seit 1990. 

Auf DVD ist In Deutschland  von ihm bisher nur der Film SANTA SANGRE (1989)  erschienen - Jodorowskys im Zirkusmillieu angesiedelte bildgewaltige,  symbolistisch aufgeladene  Interpretation von Hitchcocks PSYCHO - Stoff. 

  

Filmographie:

KING SHOT (2007) (announced)

THE RAINBOW THIEF (1990)

SANTA SANGRE (1989)

TUSK (1980)

LA MONTAÑA SAGRADA (1973)

EL TOPO (1970)

FANDO Y LIS (1968)

LES TÊTES INTERVERTIES (1957)

 

Text: sp, mit Zitat aus James Hoberman/Jonathan Rosenbaum "El Topo. Bilder aus dem Niemandsland der Gegenkultur." In: Dies. Mitternachtskino. 1998
Bild: superhappyfun.com

 

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