|
Emir Kusturica (SCHWARZE KATZE, WEIßER KATER, ARIZONA DREAM) hat einen außergewöhnlichen Film über einen der besten Fußballer aller Zeiten gedreht.
„Maradona ist nicht irgendwer, er ist ein Mann, der an einem Lederball klebt“, singt Andrés Calamaro. Man kann es immer wieder beobachten, wenn große Sportler ihre Karriere beenden, wissen sie häufig nicht mehr, was sie tun sollen. Manche werden Trainer, um wenigstens in anderer Form ihren Sport weiterbetreiben zu können, manche entwickeln sich zu bedauernswerten Witzfiguren, die nicht ohne das Rampenlicht leben können und mit allen Mitteln die Öffentlichkeit suchen. Es gibt die Sportler, die sich in Alkohol und Drogen flüchten und sich zu Grunde richten, und es gibt die Sportler, die bereits zu Lebzeiten ein Mythos sind. Diego Maradona ist alles zusammen. Als er nicht mehr an dem Lederball klebte, viel er in ein tiefes Loch. Er wurde zu einem bemitleidenswerten, exzentrischen Fettsack, der von Paparazzi verfolgt wurde, er war mehrfach kurz davor, Opfer seines Drogenkonsums zu werden. Gleichzeitig ist er lebendiger Mythos in seiner Heimat wie sonst nur Carlos Gardel oder Evita, er ist ein Nationalheld, der auf dem Spielfeld Argentiniens Kriegsniederlage gegen England im Kampf um die Falklandinseln gerächt hat, und er ist für viele ein Heiliger. Im ist in Argentinien sogar eine eigene Kirche gewidmet. Manu Chao betitelte einst eines seiner Lieder: „Santo Maradona.“ Jetzt hat er ihm eine zweite Hommage gewidmet: „La vida tombola“. Zu sehen ist es in dem Film MARADONA BY KUSTURICA, eine Dokumentation, die selbst eine Hommage ist. Der aus Sarajewo stammende Regisseur Emir Kusturica sah Maradona in den 80er Jahren zum ersten Mal spielen. Seitdem hat ihn der argentinische Fußballer nicht mehr losgelassen. Und je mehr Filme er drehte, desto mehr ist ihm bewusst geworden, dass Maradona Protagonist von jedem seiner Filme sein könnte. Also ist MARADONA BY KUSTURCIA auch ein Film über den Regisseur selbst, eine Dokumentation, die Zusammentreffen zweier Egomanen ist. Ein wilder, anarchistischer Film über eine wilde anarchistische Person, gedreht von einem wahnwitzigen Regisseur. Der Beginn der Dreharbeiten beginnen zu einem Zeitpunkt, als Maradona gerade die schwärzeste Phase seines Lebens mit Nahtoderfahrung, Psychiatrieaufenthalt und Entziehungskur überwunden und sich gerade noch einmal berappelt hat. Die Dreharbeiten enden 2008 als Diego sein Tief endgültig überwinden konnte. Und heute? Heute ist er als Trainer der argentinischen „selección“ in Südafrika. Im Mittelpunkt von Kusturicas Film stehen die zwei Jahrhunderttore von Maradona, erzielt bei der WM 1986 in Mexiko, das eine mit viel Chuzpe (und mit der Hilfe der „Hand Gottes“), das andere mit viel Genie. Kusturica zeigt diese Tore immer wieder, zelebriert sie als revolutionäre, antiimperialistische Akte. Maradona ist für ihn ein Held, wie aus einem Sergio Leone oder Sam Peckinpah Film, ein Anarchist (die an South Park-anmutenden Cartoon-Sequenzen werden folgerichtig mit Sex Pistols-Musik unterlegt) und eine Figur wie Gilgamesch. Diese Lesart gefällt Maradona, der in den Gesprächen den großen Rebellen gibt, gegen George W. Bush, das britische Königshaus, die FIFA oder andere angebliche Verschwörer wettert und sich Seite an Seite mit Fidel Castro, Hugo Chavez und Evo Morales zeigt. Die große Erkenntnis des Films ist, dass Diego Maradona sich nie verstellt hat. Wenn er selbst die Maradona-Hymne singt, ist seine Eigenliebe unersättlich. Er glaubt wirklich, dass er den Fußball von allem Übel bereinigt und ihn mit allem Guten verschönert hat, weil in ihm Genie und Technik zusammenkamen. Jorge Valdano, der zusammen mit Maradona Weltmeister wurde, gibt zu Protokoll, dass Diego bisweilen daran erinnert werden musste, dass er zwar wie ein Gott spielte, aber keiner sei. Maradonas Leben nach seiner Karriere ist in weiten Teilen ein Drama gewesen, es fällt aber schwer, ihn dafür zu bemitleiden. Er wurde das Opfer seiner eigenen Leichtfertigkeit und seiner Hybris, er sei eine Art Übermensch, der in der Lage sei, jeden Feind zu besiegen. Scheinbar hat sein Leben jetzt eine Wende zum Besseren genommen. Und man freut sich für ihn. Berührend sind die intimen Momente des Films, wenn seine Entourage nicht dabei ist und er Einblicke in sein Familienleben gibt. MARADONA BY KUSTURICA ist ein spannender, unkonventioneller Film über die Fußball-Ikone. MARADONA BY KUSTURICA ist bei „Kinowelt“ auf DVD erschienen. Bild: 1,85:1 (anamorph)
Sprachen/Ton: Deutsch Stereo DD, OF 5.1 DD
Untertitel: Deutsch EXTRAS: Trailer; Wendecover |